Kristian Hoffman für East Village Eye

book_yellow.gifSteven Hager, Art After Midnight: The East Village Scene 1986, St. Martin's Press, Auszüge

book_yellow.gifRupert Smith, von Attitude, Vol.1, Number 3, July 1994, London, England 

 

 

Kristian Hoffman für East Village Eye

 

           # german version by Timo Keppler 08/2004

 

Klaus Nomi erschien plötzlich in der New Yorker Szene mit seinem spektakulären Auftritt bei der New Wave Vaudeville Show. Dem erstaunten Publikum wurde wiederholt gesagt, dass seine Stimme wirklich echt ist. Klaus führte eine futuristische Avantgardebewegung durch, bevor irgendwelche neuen romantischen Ideen bei Spandau Ballet aufkamen, und nachdem David Bowie die Zukunft als ein veralterte Vorstellung aufgegeben hatte.

 

Klaus’ koboldartiges und bemaltes Gesicht glich dem eines Kabuki-Roboter. Er hatte einen Stil der mittelalterlichen Interpretation vom 21. Jahrhundert über Berlin 1929. Er hatte eine fast unmenschliche Stimme im Bereich von opernhaftem Sopran bis zum preussischen General. Es war ein Visionär. Er war ein Meisterkünstler, ein Meister theatralischer Geste. Er sagte, dass die Zukunft auf den Bedürfnissen des Künstlers basiere und er entscheide, diesen Weg jede Minute zu leben. Klaus, der Mann aus der Zukunft, lebte diesen Weg in der Gegenwart, streckte seine Hand aus und sagte: "Komm mit mir. Du kannst es auch tun."

 

Sein Anblick war naiv, wunderlich, fast dumm, aber kraftvoll in seiner Reinheit und Unschuld. Selbst bei seiner wildesten lächerlichen („Blitzschläge) oder zitternden Erhabenheit (Purcells „Tod“). Es gab eine Bestätigung des Verhinderns der Apocalypse, was ihr Überzeugung verlieh. Für Klaus war Apocalypse eine Metapher für Reinigung. Als Optimist, umgeben durch zynische Trennung und Resignation, traute er sich, an eine bessere Welt zu glauben.

 

Klaus hatte einen schnellen Aufstieg gehabt, unabhängig von der Kritik. Er war niemals kühl, einige haben gedacht, dass Ruhm einen Geschmack von hipper haben muss. Er gewann eine Gefolgschaft in New York und nutzte dies als Sprungbrett, um noch mehr Erfolg in Europa zu haben. Er liebte New York, fühlte, dass es seine wahre Heimat war, und war bekümmert, dass er aufgrund seiner Krankheit nicht mehr arbeiten konnte.

 

Vor seinem Tod bat er darum, dass seine Überreste in New York, trotz der Verbindung zu seiner Familie nach Deutschland, bleiben. Er beendete sein Leben nicht am Ende seiner Karriere, aber in der Mitte davon. Seine größten Leistungen waren vor ihm. Er war dabei, Verträge mit Kanadiern und Amerikanern abzuschließen. Ferner war er voller Ideen, positiven und humorvollen Plänen. Er wurde von unmöglichen und endlosen Managementkomplikationen und seiner Krankheit gequält, deren explodierender Mythos die Sättigung der Medien durch gedankenloses Stimmengewirr und Gerüchte war. Die einzige vernünftige Lösung für ihn war es, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen.

Seine Mitteilung war immer von großer instinktiver Hoffnung geprägt.

 

 

Steven Hager, Art After Midnight: The East Village Scene 1986, St. Martin's Press, Auszüge

 

Kapitel 2, New Wave Vaudeville

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"Zum Ende der Show schwächten sich die Lichter ab und der Raum wurde mit einer donnernden, musikalischen Ovation gefüllt. Die Vorhänge öffneten sich und der Scheinwerfer fiel auf eine seltsame, überirdische Gegenwart, die ein schwarzes Kleid, einen klaren plastischen Umhang und weiße Handschuhe trug. Als der Orchesterrefrain von Saint Saens' 'Samson And Delila' gespielt wurde, fing diese seltsame weimarsche Version von Mickymaus an, in einer engelhaften Stimme zu singen. "Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich darüber nachdenke", erinnert sich Joey Arias, der in dieser Nacht im Publikum war. "Jeder wurde vollkommen still, bis es vorbei war. "Der Akt wurde als 'Nomi by Klaus' angekündigt, aber der wirkliche Name des Mannes war Klaus Sperber, und er war McDermott's einziger wahrer Stern der Show.

 

Nachdem Sperber die Arie beendet hatte, wurden Rauchbomben gezündet, Stroboskoplichter fingen an aufzuleuchten, und der Klang eines Raumschiffabschusses wurde in einer ohrenbetäubenden Lautstärke gespielt. Sperber verbeugte sich und trat zurück. Die Menge stand und schrie für eine Zugabe, aber Sperber setzte seinen Abgang rückwärts in die Rauchwolke fort. "Es war so, als wäre er von einem anderen Planeten und seinen Eltern würden ihn nach Hause rufen", sagt Arias.  "Als der Rauch aufklarte, war er gegangen."

 

Als einziges Kind, das von seiner alleinerziehenden Mutter in den deutschen Alpen großgezogen wurde, arbeitete Sperber als Pförtner bei der Berliner Oper in den späten Sechzigern, wo er die Instandsetzungsmannschaft mit seinen Maria-Callas-Imitationen unterhielt. Er hatte das Gesicht einer Marionettenpuppe - mit einer hohen Stirn und stark aufgerichteter Nase. Er verstärkte diese Merkmale, indem er die Augenbrauen zupfte, dunklen Lippenstift auftrug und das sein Haar zu einer Krone mit drei Punkten kämmte. Er zog 1972 in eine Wohnung auf St. Mark's Place und erschien in einer Lagerproduktion von "Das Rheingold" mit Charles Ludlam's Ridiculous Theater Company.

 

 

Als selbstgelernter Küchenchef sowie selbstgelernter Sänger nahm Sperber eine Arbeit als Zuckerbäcker beim World Trade Center auf und bildete später eine freischaffende Bäckerei mit Katy Kattleman. "Ich traf Klaus in einer Disco im oberen Stadtteil," sagt Kattleman. "Er trug eine Baskenmütze und eine Frauenjacke aus den Vierzigern. Ich hatte jemanden wie ihn noch nie zuvor gesehen. Er war so schüchtern und still. Wir beide hatten ein Doppelleben: Eine Tagesbeschäftigung und ein wirklich pikantes Nachtleben. Wir fingen an, zusammen zu Max' und CBGB zu gehen."

 

Magnusen lockte Sperber ins New Wave Vaudeville, nachdem er ihn eines Nachts auf dem Nachhauseweg von Max singen gehört hatte. Sperber war mit einem jungen Tänzer namens Adrian Richards befreundet, der einen mimikgetreuen Robotertanz vollendet hatte, Richards' Lieblingszeitschrift hieß OMNI. Für einen Akt erfand er das Anagramm NOMI.  Später verwendete Sperber den Namen NOMI für sich selbst.

 

In zwei kurzen Jahren stieg Nomi von seiner Position als armer Zuckerbäcker zu New Yorks führendem New Wave Künstler auf. Er schuf einen Kabarettstil, der heute immer noch imitiert wird. Ferner versammelte er eine Gruppe von vielversprechenden jungen Artisten und Künstlern um sich herum, eine Liste, die zu verschiedenen Zeiten Namen wie Kenny Scharf, Keith Haring, Jean-Micheal-Basquiat, John McLaughlin und Joey Arias beinhaltete. (Es war während einer Periode von wild wuchernder Promiskuität, sodass Arias John McLaughlin in 'John Sex'  umbenannte) (über drei gelöschte Absätze der Ankunft Kenny Scharf's von der Westküste)

 

Scharf war freundlich, gutaussehend und unglaublich naiv. Vor kurzem an der Universität von Kalifornien bei Santa Barbara angekommen (wo er ein Jahr lang Kunst studiert hatte), studierte er Illustration bei SVA. Er war von Fernsehen, Pop Art und Weltraum besessen. Er redete unverzüglich über seine Lieblings-Fernsehshow 'The Jetsons'. Er hatte auch seine eigene Religion erfunden, in dem er das Element Wasserstoff als Gott verehrte. Nomi war von Scharf's Gemälden beeindruckt, insbesondere von einem großen, auf dem ein durch die Luft fliegender Cadillac zu sehen war. "Du und ich arbeiten an der gleichen Sache", sagte er dem jungen Künstler.

 

"Ich konnte sagen, dass Kenny von Klaus verblüfft war", erinnert sich Arias. "Wir waren wirklich berauscht und Kenny sagte: "Ich will so sein wie ihr Jungs." Deshalb machten wir ihm eine Nomi-Frisur, mit Dreiecksohren und einem Dreiecksnacken. Wir machten Fotos davon und Kenny war sehr begeistert. Er fühlte sich wie eine Nomi-Person. Ich plazierte Schulterkissen unter meinem Hemd und Kenny zog einen Weltraumhelm an. Klaus meinte, dass es großartig war.  Er wollte, dass wir in seiner nächsten Show mitwirken.

 

Die nächste geplante Aufführung war die bei Max in Kansas City, für die Nomi Schlangenmenschen eingeladen hatte. Arias und Scharf erschienen als Go-Go Tänzer. "Wir malten unser Gesicht grün an", sagt Arias. "Wir wurden zusätzlich mit grünen Helmen und Schulterpolstern aufgebauscht. Klaus sang 'The Twist' und 'Falling In Love Again'. Ich machte den Robotertanz.  Die Leute waren während des Auftritts außer Rand und Band."

 

Arias stellte Scharf den Managern von Fiorruci vor, die ein Ausstellung names 'Fiorruci Celebrates The New Wave' organisierten. Diese kombinierte eine Kunstshow von Scharf mit einer Aufführung von Nomi. Scharf schuf eine Folge von Gemälden, die die Mißgeschicke einer Jet-Set Dame aus der Zukunft namens Estelle auflistete. Das vorletzte Gemälde zeigte Estelle in einem Raumschiff sitzend auf einen Fernseher schauend, welcher die Explosion der Erde durch eine nuklearen Bombe zeigte. "Sie sah wirklich zufrieden aus, weil sie die einzige Überlebende war", erinnert sich Scharf.

 

 

#Photo by George Dubose

"In dieser Zeit entschieden wir uns, dass wir die Zukunft waren", sagt Arias. "Wir bildeten die Nomi-Familie. Wir lebten, als ob wir auf dem Raumschiff wären. Wir aßen etwas Astronautennahrung." Der Lebensstil fügte den Shows viel hinzu welcher eine zunehmend stilisierte Mischung von New Wave, Kabuki und Bauhaus wurde. Scharf's Tanzerei passte nicht mehr zu diesem Stil und er wurde aus der Gruppe geschmissen. Eines Nachts im Mudd-Club traf Nomi sein Idol, David Bowie. Nachdem sie entdeckten, dass sie gemeinsame Freunde in Deutschland hatten, lud Bowie Nomi und Arias ein, sich mit ihm bei  "Saturday Night Live" zu zeigen. Bald darauf unterschrieb Nomi einen Plattenvertrag bei RCA.

 

"Dann hatten Klaus und ich einen Disput", sagt Arias. "Ich schrieb die Lieder allein und Klaus war darüber stinksauer." Er sagte: "Du beginnst Dein eigenes Ding zu machen und ich glaube, dass Du besser gehen solltest." Als seine Selbstüberheblichkeit zunahm, machte sich Nomi viele seiner ehemaligen Freunde abspenstig. Er löste seine Gruppe auf und stellte eine professionelle Band ein, um ihn zu unterstützen. Sein erstes Album wurde 1981 herausgebracht und verkaufte schlecht.

 

Kapitel 6, Fun Gallary:

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Leider erschien 1982 eine weitere Pest, die noch tödlicher als Heroin war. "Erworbenes immunes Mangelsyndrom", oder AIDS, hatte sich mehrere Jahre lang, hauptsächlich durch die homosexuelle Bevölkerung, anonym ausgebreitet. Die Krankheit war kaum identifiziert, als sie bei Klaus Nomi diagnostiziert und er Krankenhaus eingeliefert wurde.

"Sie brachten mich dazu, einen Plastikbeutel zu tragen, als ich ihn besuchte", erinnert sich Arias. "Mir wurde nicht erlaubt, ihn zu berühren. Nach einigen Wochen schien es ihm besser zu gehen. Er war stark genug, um herum zu gehen. Deshalb verließ er das Krankenhaus und ging nach Hause. Sein Manager brachte ihn dazu, all diese Dokumente zu unterschreiben, frei nach dem Motto: "Wir werden Dir $ 500 geben, wenn Du ein weiteres Mal Dein Leben abschreibst. Er bekam Kaposis (Verletzungen, assoziiert mit dem Kaposi-Sarkom. Ein seltener Hautkrebs der mit AIDS in Verbindung stand) und fing an, Interferon zu nehmen. Das zog ihn wirklich herunter. Er hatte überall Punkte auf seinem Körper, und seine Augen bekamen purpurrote Schlitze. Es war so, als würde er von jemandem zerstört. Er pflegte es, sich darüber lustig zu machen. "Nennt mich "Dotty-Nomi", würde er sagen. Dann wurde er wirklich schwach und auf dem schnellsten Wege zurück ins Krankenhaus gebracht. Er konnte tagelang nicht essen, weil er Magenkrebs hatte. Herpes brach überall auf seinem Körper aus. Er sah aus wie ein Monster. Es tat mir sehr weh, ihn so zu sehen. Ich sprach mit ihm in der Nacht vom 5. August.

 

Er fragte: "Joey, was werde ich tun? Sie wollen mich nicht mehr im Krankenhaus. Sie zogen alle Stecker. Ich muss mit diesem ganzen Zeug aufhören, weil es mir nicht besser geht." Ich hatte diesen Traum von Klaus, der wieder stark wird und singt, nur ist er ein bisschen verformt und muss deshalb hinter einem Schutz oder sonstigem bleiben. "Du wirst das Phantom der Oper sein", sagte ich ihm. "Wir werden wieder zusammen Shows machen." "Ja, vielleicht", sagte er. Aber Klaus starb diese Nacht im Schlaf.

Im Rückblick ist es schade, dass Nomi's Karriere vor dem Aufstieg von MTV anfing. Zu der Zeit seines Todes wurde er nur in Europa bekannt und mit Hilfe der MTV-Videos hätte er sicherlich auch den amerikanischen Markt erobern können. Sein erstes Album enthielt eine interessante Mischung von Sechziger-Jahre-Pop, Oper und ätherischer Weltraummusik. Aber es fiel zwischen so viele stilistische Spalten, dass es Schwierigkeiten hatte ein Publikum zu finden. (Wie dem auch sei brachte Malcolm McLaren ein Jahr nach Nomi's Tod eine erfolgreiche Tanz-Rockversion einer Arie von "Madam Butterfly" heraus)

 

 

Rupert Smith, von Attitude, Vol.1, Number 3, July 1994, London, England

Klaus Nomi

Er explodierte wie eine Sternschnuppe in die Welt. Nach einer glanzhaften, all zu kurzen Karriere wurde er von Gott gesegnet. Jetzt, zum größten Teil vergessen, bleibt Nomi der eigenartigste Vertreter der Rockmusik, der viele Nachfolgende in den Schatten stellt.

Text: Rupert Smith, "Eine Nacht in 1980"

Während einer ansonsten routinemäßigen Episode von BBC2's "The Old Grey Whistle Test" wurde eine seltsame Vision in britische Wohnzimmer ausgestrahlt. Eine starre, hagere Gestalt, stark geschminkt, sein Haar zu drei Punkten zusammengekämmt und ein hoch modernes Blake's 7-Style-Outfit tragend, tanzte roboterartig vor einer undefinierbaren Band. Dann öffnete er seinen Mund und sang in einem starken deutschen Akzent über nukleare Mutanten. Als der Refrain kam, hob er seine Arme zum Himmel und wechselte in einen ohrenzerreißenden, opernhaften Sopran. Das Lied wurde "Total Eclipse" genannt und der Sänger war Klaus Nomi. Nomi begeisterte noch mehr als es der erste Blick vermuten ließ. Als gebürtiger Deutscher zog er nach New York um ein Star in der sprießenden New Wave-Szene der späten Siebziger zu werden. Dort hatte er auch mit David Bowie zusammengearbeitet und sich einen Plattenvertrag bei RCA Records gesichert, die 1981 sein erstes Album hinausbrachten. Es war außerordentlich: leichte Popliedchen gefolgt von Stücken mit dröhnenden Umgebungsgeräuschen, frevelhaften Coverversionen (Lou Christie's "Lightning Strikes", Chubby Checker's "The Twist"), die melodramatische "Total Eclipse" und, als Höhepunkt, eine wilde theatralische Wiedergabe einer Saint-Saens-Arie. Nomi's Sopran stürzte in jedem Lied herab, seine präzise deutsche Aussprache war ein Missklang in den Rock-Einstellungen. Das herstechende Lied, "Cold Song", abgeleitet von Purcell 's King Arthur, brachte Oper und Pop-Rock in einen bizarren Gegensatz, schön und urkomisch. Nomi's komplette Bühnenarbeit wurde um die Idee gebaut, dass er als Außerirdischer einer glanzvolleren Galaxie auf Erde gefallen ist um dort Pop-Musik zu machen. In der Tat war seine wirkliche Lebensgeschichte nur geringfügig weniger absonderlich. Als junger Klaus Sperber hatte er in den späten Sechzigern als Pförtner an der Berliner Oper gearbeitet und seine Kollegen mit seinen Aufführungen der großen Arien unterhalten (später würde Nomi der Presse sagen, dass er "an der Berliner Oper gearbeitet hätte"). 1972 zog er nach New York und wurde fester Bestandteil in East Village, wo er eine Arbeit als Zuckerbäcker bekam und über seine künstlerische Zukunft nachdachte. 1976 besuchte Sperber Stimmentrainerin Ira Siff, besser bekannt als Vera Galupe-Borszch, der La Gran Scena Opera Company. "Ich habe ihn bei Opernaufführungen in New York gesehen, zu denen nur zähe Opernköniginnen gehen würden, erinnert sich Siff. "Er kam zu mir um Rat einzuholen, was er mit seiner Stimme machen sollte, weil er einen schönen lyrischen Tenor hatte, aber auch Falsett singen konnte. Zu dieser Zeit gab es kein Interesse an Männern, die in hohen Stimmen sangen; die Countertenor-Wiederbelebung hatte nicht angefangen und das war lange vor La Gran Scena. Deshalb riet ich ihm, sich auf seinen Tenor zu konzentrieren und den Sopran zu vergessen, weil ihn niemand ernst nehmen würde. Glücklicherweise hörte er nicht auf meinem Rat!" East Village war mit talentierten Sonderlingen überlaufen und im Begriff zur Punk-Berühmtheit zu werden. Sperber passte da genau hinein.

Er spielte ein Fräulein vom Rhein in einer Charles Ludlam's Ridiculous Theatrical Company Produktion "Der Ring Gott Farblonjef“ (1977), ein überarbeitetes Lustspiel von Wagners Ring, welches er nach seinen Schichten im Restaurant aufführen würde. Er pirschte sich durch die Straßen, hatte die Haare zurückgekämmt um seine eckigen Merkmale zu akzentuieren, trug eine graue Frauenjacke und –hose, machte einen tiefgründigen Eindruck auf den Aufführungskünstler Joey Arias und arbeitete dann als Publizist für die Fiorucci-Boutique. "Er wurde mir von der Designerin Katy K vorgestellt", sagt Arias. "Sie wurde Klaus' Freund, Mitarbeiter und schließlich Testamentsvollstrecker. Sie sagte mir, sie hätte diesen Chefopernsänger getroffen, der gut aussah und in Shows gewesen war, und als wir uns nochmals trafen, waren wir hin und weg und hingen gemeinsam ab." Um 1978 plante Sperber in der New Yorker Kunst-Szene sein eigenes Debüt. Mit seinem Tanzfreund Adrian hatte er Wissenschaftszeitschriften wie OMNI verschlungen, Cyber-Punk-Sci-Fi gelesen und sein schon bemerkenswertes Aussehen zu noch grelleren Extremen geschoben. Als sie eine Anzeige in der Presse sahen, die Künstler dazu aufrief in einer 'New Wave Vaudeville Show' aufzutreten, erkannten sie, dass dies ihre Chance war. Unter dem Namen 'NOMI', einem Anagramm einer von ihnen bevorzugten Zeitschrift, bereiteten Klaus und Adrian ihre Nummer vor. New Wave Vaudeville lief für vier Nächte im Irving Plaza, einem unbenutzten Club in der l5ten Straße. Vom Künstler David McDermott organisiert kam die Show auf über dreißig Auftritte einschließlich Man Parrish, Lance Loud, einem Stripper und einem singenden Hund. Zum Ende des Abend verkündete McDermott: "Meine Damen und Herren, das, was Sie hier hören ist keine Aufnahme! Dies ist echt!" Die Lichter gingen aus, donnernde Musik fing an, Klaus trat auf die Bühne und trug einen Weltraumanzug , sein Haar zu einen Punkt zusammengemacht. Während Adrian seinen Robotertanz aufführte sang Klaus "Mon coeur s'ouvre a ta voix" von Saint-Saens' Samson et Dalila. Die Aufführung endete mit Rauchbomben und Blitzlicht, als Klaus von der Bühne zurücktrat und im Rauch verschwand. NOMI war ein Kracher, und Klaus wurde sofort eingeladen, den Auftritt bei Clubs in der ganzen Stadt, einschließlich des schwer angesagten Mudd-Clubs, aufzuführen. Er fragte Joey Arias, ihn bei dem Auftritt zu begleiten, und zusammen rekrutierten sie ein weiteres Mitglied zur Nomi-Familie, den Maler Kenny Scharf, der schon Sci-Fi-Leinwände bemalte. "Wir gingen zu Kenny's Haus hinüber und machten eine Fotosession mit Weltraumhelmen und Schulterpolstern und gaben vor, dass wir die Weltraumpolizisten waren“, sagte Arias. "Kenny war vollkommen angetan von Klaus' Bild, und er war sehr eifrig um ein Teil davon zu werden, was wir machten." Als Nomi gebucht wurde, um beim Rock-Club und Warhole watering-hole Max in Kansas City zu spielen, schloss er Arias und Scharf in der Refrainlinie ein. "Klaus hatte inzwischen jede Menge Zuversicht", sagt Arias, "und die Auftritte wurden viel größer. Er spielte acht Lieder. Kenny und ich sahen mit unseren blau angemalten Gesichtern und riesigen Schulterpolster wie Footballspieler vom Weltraum aus. Sein eigenes Aussehen war noch viel extremer. Es hatte eine ziemliche Wirkung." Nomi wurde ein Fokus für andere New-Wave-Hoffnungen: zu verschiedenen Zeiten schloss die 'Familie' der Tänzer und Backgroundsänger unter anderem Keith Haring, Jean-Jean-Michel-Basquiat und sogar Madonna ein. Nomi war ein Star in New York. Nach einer Aufführung im Mudd-Club entdeckte er, dass David Bowie im Publikum war, und er schaffte es, Bowie's Sicherheitspersonal zu umgehen um eine Anbahnung zu bewirken. Bowie hatte gerade das Lodger-Album herausgebracht und wurde von Nomi's Bauhaus-Anblick angezogen. Die zwei redeten über gegenseitige Bekanntschaften in Berlin und Bowie fragte Nomi, mit ihm bei Saturday Night Live im Dezember 1979 zu erscheinen. Nomi und Arias traten als Bowie's Backgroundsänger und –tänzer in drei Liedern ("The Man Who Sold The World", "TVC15" und "Boys Keep Swinging") auf, während Bowie selbst durch Kostümänderungen in der Kleidung einer chinesischen Fluggesellschaftsstewardess' herumsauste. Bowie hatte zu dieser Zeit solch einen Einfluss, dass sich Nomi bald in den Studios fand um sein erstes Album für RCA aufzunehmen. 1980 und 1981 war er auf Welttournee, machte Videos und kehrte prompt ins Studio zurück für sein zweites Album, "Simple Man" (1982). Das europäische Publikum nahm sich Nomi an, und RCA France fing an, viel Geld in ihrem neuen Star zu verdienen. Die originale Nomi-Familie hatte sich gespaltet: Arias und Scharf und der Rest der New Yorker Gruppe wurde jetzt auf Distanz gehalten, während Nomi mit  professionellen Musikern zusammenarbeitete und Tänzer einstellte. Aber wenn er sich von seinen Wurzeln weg bewegte, blieb seine Musik wirklich exzentrisch. "Simple Man" schob den Nomi-Stil noch weiter voran und er änderte das Lied des "Sorceress' Song" von Purcell's Dido und Aeneas in "Ding Dong The Witch Is Dead" von The Wizard Of Oz um.Das letzte Stück, Dido's Todesarie von Dido und Aeneas, ist Nomi's feinster Moment. Um die hohen Noten heldenhaft überanstrengt zu erreichen, singt er den Text "Remember Me But Ah Forget My Fate" auf eine Weise, die sich dem Glauben widersetzt. Dieses Lied, das letzte Stück auf seinem letzten Album, war bald als eine traurige, ironische Unmittelbarkeit anzunehmen. Als er Anfang 1983 nach New York zurückkehrte, schockierte Nomi alte Freunde mit seinem Aussehen. "Er war immer dünn", sagt Arias. "Aber ich erinnere mich an ihn, als er zu einer Party ging und aussah wie ein Skelett. Er beklagte sich über Grippe und Erschöpfung, und die Ärzte konnten nicht diagnostizieren, was mit ihm nicht stimmte. Später hatte er Atemschwierigkeiten, brach zusammen und wurde ins Krankenhaus gebracht." Die Ärzte entdeckten, dass Nomi's Immunsystem zusammengebrochen war, und fanden auch eine seltene Form des Hautkrebs, das Kaposi-Sarkom, welches auf seinem Körper ausbrach. Der Zustand war noch nicht als AIDS bekannt. 1983 brach Nomi's Gesundheit zusammen. "Er würde in seiner Wohnung sitzen, die Videos und Fotos von sich ansehen, und darauf sagen: "Schau, dies ist das, was ich machte, jetzt ist alles weg" sagt Arias. "Er machte eine makrobiotische Diät. Er nahm Interferon, was ihn wie eine Ratte aufblies. Aber nichts half." Im Sommer ging er ins Krankenhaus zurück und stand der Tatsache gegenüber, dass die Ärzte machtlos waren, ihm zu helfen. "Er fing an, wie ein Monster auszusehen: Seine Augen waren nur noch purpurrote Schlitze, er war von Flecken übersät und sein Körper war vollständig zerfallen", sagt Arias. "Ich hatte einen Traum, indem er seine Stärke wiedererlangen würde und auf Bühne zurückginge, aber dass er sich wie das Phantom der Oper verschleiern müsste. Er lachte, er mochte diese Idee, und es schien ihm für eine Weile besser zu gehen. Das war in einer Freitagnacht. Ich war dabei zu gehen und ihn wieder am Samstagvormittag zu sehen, aber sie riefen mich an und sagten mir, dass Klaus in der Nacht gestorben war." Nomi war eine der ersten öffentlichen Figuren, die an AIDS starben, und sein Tod brachte die Gesundheitskrise zu einer breiteren Öffentlichkeit. Seine Karriere wurde mit vielen unerfüllten Versprechen beendet; jetzt wird sich kaum an ihn erinnert. Die Alben sind auf CD verfügbar, es gibt drei Reklamevideos, einige Gemälde von Bewunderern, und einige Videoclips von Nomi's urkomischen Aussehen im Kabelfernsehen, die seine Fähigkeit als Zuckerbäcker demonstrierten. Die Begräbnisanordnungen gingen in bizarrem Stil weg. Beim Gedenkdienst lief eine unbekannte Frau in einem schwarzen Umhang schreiend den Gang hinunter und warf sich auf Klaus' Schatulle. Während der Lobesrede brach ein Sturm aus der Donner schlug auf angemessen Wagnersche Weise ein. Bei einer rückblickenden Ausstellung, die bald danach folgte, stahlen rabiate Fans alles, was nicht niet- und nagelfest war. Klaus Nomi ist vielleicht etwas mehr als eine Fußnote in den Rockgeschichtsbüchern, aber während seiner herrlichen Karriere, die er als eine Vision von fabelhafter komischer Absurdität erkannte und die es immer noch schaffte, tief zu bewegen. Die Art seines Todes hat vielleicht seine Leistungen verfinstert (die Pressestelle von RCA London konnte keine Informationen mehr bereitstellen, außer, dass "er einer der ersten Leute war, die an AIDS starb"). Aber für jene mit einer Neigung für das Lächerliche überstrahlt Klaus Nomi die Horden der überzogenen Achtziger-Jahre-Auftritte, die ihm folgten. Spüren sie die Alben und das Wunder bei der eigenartigsten Sache auf, um je auf die Rockbühne zu treten. "Er war ein sehr lieber Mann, sehr aufrichtig und schüchtern", sagt Ira Siff. "Er ist die einzige Person die je verstand, Oper mit Pop zu kreuzen - die beide Stile verstand und es schaffte, sie zu verbinden Er brachte seine Stimme zu Plätzen und Leuten, die diesen Klang nie zuvor gehört hatten."

 

 

'Total Eclipse', Kristian hoffman, performed by Klaus Nomi


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